Warum “einfach loslassen” nur die halbe Wahrheit ist

Wir alle sind durch unsere vielfältige Arbeit an uns, mit uns selbst und – wenn wir Coaches oder Berater sind – auch mit anderen, häufig schnell mit der Phrase bei der Hand:

„Du musst einfach loslassen.“

Diese Aufforderung findet in der Yogastunde statt.
Beim Coaching.
Bei der Atemarbeit.
Beim Singen.
Beim Meditieren.
In Gesprächen mit unserem Partner, mit unseren Freundinnen, unserem nächsten Umfeld, am Arbeitsplatz und so weiter.

Überall werden wir aufgefordert, doch endlich einmal loszulassen und damit unsere Anspannung, unser Festhalten und unser Wollen aufzugeben. Und tatsächlich hat das etwas sehr Segensreiches und sehr Heilsames.

Aber mit diesem „Lass doch mal los“ gehen wir nur die Hälfte des Weges.

Denn im Grunde genommen geht es nicht nur darum, etwas loszulassen. Es geht darum, in eine völlig andere Haltung zu kommen. Eine Haltung von Rezeptivität dem Leben gegenüber.

Denn die anderen 50 % dieser Übung oder dieser Haltung sind:
öffne dich und lass die Dinge zu dir kommen.
Im Grunde genommen geht es nur um das Lassen. Um das Zulassen.

Und genau das fällt vielen Menschen wahnsinnig schwer: die Dinge einmal auf sich beruhen zu lassen. Zu vertrauen, dass sich eine Situation zum Guten entwickeln kann, wenn ich nicht dauernd hineingrätsche, daran herumschraube, nachschaue, ob sich schon etwas getan hat, schiebe, drücke, ziehe und auf das Ergebnis einwirke.

Dieses Erlauben bedeutet, das eigene Wollen ein Stück zurückzunehmen und in etwas sehr Tiefes in uns zurückzukehren: in eine Form von Urvertrauen. In das Vertrauen, dass ich gehalten und geborgen bin in etwas Gutem, in dem sich Dinge entwickeln dürfen, ohne dass ich sie ständig machen muss.

Meine Lernerfahrung

An dieser Stelle möchte ich euch etwas über meine künstlerische Arbeit erzählen.

Vor vielen Jahren (1998) begann ich, individuelle Heilmandalas für meine KlientInnen zu zeichnen. - Nein, nicht die Mandalas aus dem Malbuch. - Kunstwerke.

Aber bevor es Kunstwerke wurden, durchlief ich einen Prozess. Und der begann so: eines Tages kam ein Patient zu mir und fragte: „Was siehst du, wenn du mit mir energetisch arbeitest?“ Ich nahm einen Stift und zeichnete spontan eine kleine Skizze. Und er nannte mir ein Wort, das ich vorher nie gehört hatte: Mandala.

Da er wusste, dass ich Designerin bin, regte er an, dass ich das Ganze doch einmal in groß und in farbig ausarbeiten solle. Das reizte mich sehr, und ich zeichnete daraufhin mein erstes Mandala.

Das Entscheidende dabei war für mich, dass ich irgendwann vollständig Abstand davon nahm, wissen zu wollen, wie dieses Mandala am Schluss auszusehen hatte. Ich hatte einen intuitive Eindruck - aber kein fertiges “Produkt”, das ich erreichen mußte.

Ich musste nichts gestalten.
Ich musste nichts planen.
Ich musste nichts wissen.
Ich musste nicht entscheiden, welche Farbe wohin gehört oder welche Form als Nächstes entstehen sollte.

Ich ließ das Mandala vor mir entstehen.

Nicht nach Gestaltungskriterien, die ich vielleicht irgendwann in meinem Designstudium gelernt hatte. Nicht nach Regeln darüber, wie Farben miteinander harmonieren oder Formen angeordnet werden sollten. Sondern unmittelbar aus der Situation heraus.

Ich ließ es geschehen.

Und ich kann sagen:
die Ergebnisse waren um ein Vielfaches interessanter und schöner als alles, was ich hätte vorher planen, systematisieren, durchkalkulieren und anschließend zu Papier bringen können.

Diese Erfahrung wurde für mich zu einem ganz persönlichen Einweihungsweg. Denn ich lernte dabei etwas, das weit über das Zeichnen hinausging:

Ich musste nichts erzeugen.
Ich musste nur erlauben. Und Zuschauen.

Und ich kenne deshalb das Gefühl sehr genau, wenn man in diesem Raum des Erlaubens ist. In diesem großen Raum, in dem die Dinge nicht mehr gemacht werden müssen, sondern erscheinen dürfen.

Aber was ist mit all den Dingen, die getan werden müssen?

Ich weiß, dass diese Haltung grade bei vielen von euch mächtig Reibung erzeugt. Denn wir glauben, dass da draußen in der Welt so viele Dinge sind, die gelöst werden müssen.

Und ja: wir haben alle unser Leben.

Es gibt Dinge, um die wir uns kümmern müssen. Verpflichtungen. Menschen, für die wir Verantwortung tragen. Aufgaben, in die wir eingespannt sind. Dinge, die tatsächlich unsere Handlung brauchen.

Es geht also nicht darum, sich auf dem Absatz umzudrehen und zu sagen:

„Ich mache jetzt gar nichts mehr. Ich bleibe zu Hause und spiele Klavier. Soll sich doch jemand anderes darum kümmern, wer mein Kind aus dem Kindergarten abholt.“

So ist es nicht. Aber:

Auch wenn ich mich in mein Auto setze und mein Kind aus dem Kindergarten abhole, kann das aus einer Haltung des Erlaubens heraus geschehen.

Ich fahre.
Ich hole mein Kind ab.
Das ist die Handlung, die gerade dran ist.

Und ich sehe, wie es geschieht.

Das ist ungeheuer entlastend. Und ich bin ganz da. Bei meinem Kind. Beim Autofahren in diesem Moment. JETZT!

Und ich muss nicht gleichzeitig im Kopf schon bei den Nudeln sein, die ich noch einkaufen muss, beim fehlenden Tomatenmark, beim Mittagessen, bei dem Telefonat von morgen und bei den zehn Dingen, die danach noch erledigt werden müssen.

Ich kann einfach das tun, was gerade getan wird.
Aus diesem Raum des Erlaubens heraus.

Das erfordert Übung. Aber ich weiß auch aus eigener Erfahrung: je öfter man diese Haltung einnimmt, desto vertrauter wird sie. Und wir alle haben Inseln in unserem Leben. Räumliche und zeitliche Inseln, in denen wir diese Haltung ausprobieren können.

Vielleicht wäre es schön, diese Haltung einzunehmen, ohne damit etwas erzeugen zu wollen. Ohne etwas davon haben zu wollen.
Einfach als Experiment.
Zu schauen: Wo komme ich damit eigentlich an?

Vielleicht stellst du fest, dass du gar nicht auf alles reagieren musst…

Denn wenn wir glauben, wir müssten uns an jeder Stelle unseres Lebens um alles kümmern und auf jede Sache, die auf uns einprasselt, sofort eine Reaktion produzieren – und sei es nur gedanklich –, dann kommen wir aus diesem Kreislauf nie heraus.

Ja, wir werden permanent dazu aufgefordert, hier ein Herzchen dort ein Like zu setzen. Innen und außen.

Wenn wir aber auf alles, was uns widerfährt, sofort wieder etwas tun müssen, sind wir permanent beschäftigt. Wir sind dann ständig unterwegs. Und ganz sicher unfrei.

Wenn du ständig unterwegs bist, kannst du nicht empfangen, wenn dein “Geschenk” geliefert wird.

Vielleicht sind wir genau dann nicht zu Hause, wenn das, was für uns ist, uns erreichen möchte.

Letting come bedeutet für mich: ich bleibe zu Hause (bei mir), in Offenheit. Damit ich das Paket empfangen kann.

Wenn ich aber nicht zu Hause bin, weil ich schon wieder mit irgendetwas beschäftigt bin, von dem ich glaube, es kontrollieren oder lösen zu müssen, dann verpasse ich möglicherweise genau das, was eigentlich als Geschenk bei mir landen möchte.

Das Pendant zum Loslassen ist: Offenheit - Kommenlassen!

Lass kommen.
Bleib offen.
Bleib empfänglich.
Tu nicht sofort etwas.
Erwarte nichts.
Lass.
Und schau, was geschieht.

Deshalb möchte ich euch heute einladen, diesen Tag dafür zu nutzen, darüber nachzudenken:

Wann ist die nächste Möglichkeit,
für dich eine halbe Stunde einfach nur ins Erlauben zu gehen?
Ins Lassen?

Nicht, um dadurch etwas Bestimmtes zu erreichen oder zu beweisen, sondern einfach, um einmal zu erfahren, wie es sich anfühlt, wenn ich nichts mache. Wenn ich nicht loslasse, um anschließend wieder etwas Neues zu tun. Sondern wenn ich loslasse und offen bleibe für das, was kommen möchte.

Vielleicht liegt genau darin eine ganz andere Form von Vertrauen.
Und eine andere Form von Freiheit.

Eine, die nicht dann entsteht, wenn alles auf unserer Checkliste erledigt ist. Denn klar ist auch: diese Liste wächst sofort wieder nach. Sie wird nie leer und ist daher kein Weg in die Freiheit! -

Stattdessen erlauben wir uns zu entdecken, was schon immer da war und sein wird.

Das, was uns die ganze Zeit trägt.
Und das erfahren wir, und erkennen wir, wenn wir L A S S E N.

Ich grüße euch herzlich
und wünsche euch ein wunderbares Wochenende
voll herrlicher Momente des LASSENS.

Eure Tatjana



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