Manchmal kommt sie eben montags - die Muße!
Ich sitze hier. Mein Blick verliert sich in den Baumkronen, und ehrlich gesagt: auf meiner To-do-Liste stehen Sachen, die jetzt eigentlich um Aufmerksamkeit betteln. Und in einer Stunde kommt die erste Schülerin. Aber heute Morgen bin ich noch nicht startklar. Irgendwie fehlt mir der Funke. Ich würde gerne loslegen, aber ich bin noch nicht drin. Nicht in diesem Tag, nicht in dieser Woche und schon gar nicht in meinen Aufgaben.
Also tue ich etwas, das in unserer Leistungsgesellschaft fast schon als Rebellion durchgeht: Ich lasse es geschehen. Ich warte darauf, dass sich etwas sortiert. Am Montagmorgen.
Und ja, ich höre den Einwand schon:
„Schön für dich, ich sitze im ersten Meeting und mein Kalender schreit mich an!“
Keine Sorge, wenn dein Montagmorgen gerade gnadenlos durchgetaktet ist, ist das hier kein Vorwurf. Die Gartenbank in deinem Kopf läuft nicht weg. Sie ist eine Einladung, zu einem ganz anderen Zeitpunkt Platz zu nehmen – heute Abend, morgen früh oder in der nächsten Lücke, die du dir mutig freischaufelst.
Setz dich dann einfach kurz im Geiste zu mir. Atme durch. Wir machen dann keine „Me-Time“ – dieses Trostpflaster für Leute, die sich den Rest der Woche bis zur Selbstaufgabe verfügbar machen. Wir betreten einen völlig anderen Erlebnisraum.
Mein Rezept für den Empfangsmodus
Wenn du wissen willst, wie sich meine Muße zusammensetzt: Es sind etwa 20 % Langeweile, 30 % Entspannung und satte 50 % Lauschen. Nicht suchen, nicht forschen, nicht einmal warten. Einfach nur Empfangsmodus. Ich schalte den logischen Intellekt aus, um Antworten von Ebenen zu erhalten, die man im Hamsterrad niemals hört.
Und hier werde ich mal kurz provokant: Die meisten von uns haben verlernt, was Muße wirklich ist.
Muße ist kein Cappuccino mit Freunden, kein Grillabend und garantiert kein lautes Festival.
Sobald ich mein Handy zücke, um der Welt zu zeigen, wie entspannt ich gerade am Meer sitze, ist die Muße tot. Dokumentationszwang und Publikum sind die natürlichen Feinde der echten Einkehr.
Wellness-Effekt statt Wellness-Aktion
Wahre Muße ist für mich pure Langsamkeit. Sie passiert beim Kochen, beim Wandern oder – ja, kein Witz – beim akribischen Schneiden der Rasenkanten. Das ist keine Wellness-Aktion, die man bucht, sondern ein Wellness-Effekt, der sich einstellt, wenn man den Leistungszwang abstreift.
Mein Körper dankt es mir sofort: Der Vagusnerv wacht auf, der Blutdruck sinkt, die Atmung geht tief. Ich verlasse den Denkraum des „Erzeugens“ und wechsle ins „Erlauben“. Das ist der Moment, in dem die rechte Gehirnhälfte endlich mal das Mikrofon bekommt und nicht mehr alles logisch, linear und rechtwinklig sein muss, sondern zufällig, momentan und ziellos.
Das Wochenende ist eine Lüge
Schauen wir uns doch mal unsere Wochenenden an. Wir nennen es Freizeit, packen es aber voll mit neuen Pflichten, Erreichbarkeiten und dem Zwang, überall loyal und sichtbar zu sein. Ist das wirklich alles wichtig? Oder bilden wir uns das nur ein?
Für mich ist Muße die radikale Freiheit von Bewertung und Produktivität. Es geht darum, das gestrige Ich mit all seinen Rollen, Ängsten und Hoffnungen einfach mal an der Garderobe abzugeben. Und as morgige Ich gleich mit, mit seinen Erwartungen, Befürchtungen und Ansprüchen. So etwas muss heutzutage geübt werden. Es ist nicht mehr natürlicher Teil unseres Lebens, weil gleich schon wieder die nächste Forderung um die Ecke kommt. Und es bedarf echten Hinschauens und Kraft, sich dem entgegen zu stellen. Erst für eine Stunde, dann vielleicht öfter.
Müßiggang ist das Tor zur Resilienz
Man hat uns eingeredet, Müßiggang sei aller Laster Anfang. Was für ein Bullshit. In einer Welt, die uns täglich mehr abverlangt, ist der Müßiggang die einzige Chance, mental und körperlich gesund zu bleiben. Er ist das Tor zur Resilienz.
Also, bleib noch einen Moment hier auf der Bank sitzen – egal ob jetzt in echt oder erst später in Gedanken. Wir warten nicht auf den nächsten Termin. Wir warten darauf, dass sich das Leben von selbst ordnet. Du wirst es lieben. - Setzt dich!
