Papiiiiiiiiii!
Wir wohnen mit zwei Parteien in einem großen Haus. Meine Nachbarn haben eine kleine Tochter. Die ist dreieinhalb.
Das ist grundsätzlich kein Problem. Dreieinhalbjährige Menschen sind schließlich klein, niedlich und meistens ausgesprochen unterhaltsam. Es gibt allerdings Tageszeiten, zu denen ich kein Entertainment bestellt habe. Zum Beispiel morgens. Sehr früh morgens. Und genau dann sitzt dieses Kind manchmal auf der Treppe auf der anderen Seite der Wand, an der mein Schlafplatz liegt.
Und dann ruft sie: „Papiii?“ - Völlig normal. Dann noch einmal: „Paaaapiiii!“ - Auch noch normal. Papi ist aber grad im Bad oder anderweitig beschäftigt. Dann wird es interessant. Denn plötzlich wird aus „Papi“ kein Ruf mehr, sondern ein stimmliches Experiment.
„PAAAA-piiiiii!“
Höher. Tiefer. Länger. Kürzer. Lauter. Leiser. Mit Quietschen. Mit Knarzen. Mit einer Tonbewegung, die irgendwo zwischen Sirene und Opernsängerin liegt. Manchmal ziemlich wütend und manchmal eher weinerlich-hilflos. Und manchmal: ein kleines Lied!
Und ich sitze da und denke: "Mein Gott, ist das nervig." - Und unmittelbar danach: "Aber was für ein schönes Glissando."
Das ist das Problem, wenn man sich beruflich mit Stimme beschäftigt. Man kann nicht einfach genervt sein. Man analysiert automatisch. Andere Menschen hören ein dreieinhalbjähriges Kind, das seit zehn Minuten „Papi“ schreit. Ich höre:
Variation 14: deutlicher Registerwechsel, interessante Obertonstruktur, mutige Wahl der Tonhöhe. Klangauswahl als Spiel zwischen fragend und fordernd.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Kind selbst davon überhaupt nichts weiß. Und genau das ist das Faszinierende. Irgendwann habe ich den Eindruck, dass sie gar nicht mehr wirklich versucht, ihren Papa zu erreichen. Sie spielt einfach mit ihrer Stimme. Ist ja sonst nichts zu tun, wenn man wartet…
Der ursprüngliche Auftrag lautete vermutlich: Papa soll kommen. JETZT!!! Nach ein paar Minuten lautet der Auftrag aber eher: mal sehen, was dieses Wort noch alles kann. - Und das finde ich großartig. Denn Kinder machen etwas, das wir Erwachsenen beim Singen erstaunlich schnell verlernen:
sie probieren aus, ohne vorher zu fragen, ob sie es dürfen. Und manchmal finden sie einfach eine Beschäftigung in etwas scheinbar Banalem. Sie singen einen Ton und denken nicht: war das jetzt schön? Sie machen einen anderen und denken nicht: oh Gott, wie peinlich.
Sie summseln hoch, brunmmseln runter, werden laut, werden leise, quieken, quaken, brüllen, hauchen und erfinden zwischendrin vermutlich Geräusche, für die es in der westlichen Musikgeschichte noch keine passende Bezeichnung gibt.
Und wenn etwas interessant klingt? Dann machen sie es nochmal.
Das ist eigentlich eine ziemlich fantastische Art, mit der eigenen Stimme umzugehen!
Wir Erwachsenen sind da wesentlich verklemmter. Da wird vor dem ersten Ton erstmal die gesamte innere Jury einberufen. Die reicht meistens von genervten Eltern (“Meine Mutter hat immer gesagt, ich kann nicht singen.”) über ziemlich schmerzfreien Geschwistern (“Mach die Tür zu, wenn du singst.”) bis hin zu Lehrerinnen und Lehrern, die besser nichts mit Pädagogik hätten machen sollen (“Stell dich doch einfach mal nach hinten und sing leiser.”).
Kann man das so singen? Was auch immer DAS ist. Klingt das gut? Ist das richtig? Kann ich das überhaupt? Was, wenn jemand zuhört/ lacht? Ist das nur meine Stimme oder klingt das bei allen komisch? Darf ich so hoch? Darf ich so tief?
Und irgendwann singt der Mensch lieber gar nicht mehr, bevor er einen Ton produziert, der möglicherweise nicht den Qualitätsanforderungen seines inneren Zensors (und den haben wir alle!) entspricht.
Die Dreieinhalbjährige hat dieses Problem nicht. Sie sitzt auf der Treppe und erfindet den „Papi“-Ruf in ungefähr fünfzig verschiedenen Versionen. Und jedes Mal klingt es ein bisschen anders.
Wohlklang ist dabei kein Kriterium. - Eher Erfahrung.
Und genau das gefällt mir.
Vielleicht müsste man im Gesangsunterricht manchmal weniger fragen: „Wie soll dieser Ton klingen?“. “Wie kann ich schön singen?” und öfter: „Was passiert, wenn du ihn einfach mal anders machst?“
Was passiert zum Beispiel wenn du das Ave Maria einfach mal total wütend singst? Oder wie klingt “Fly me to the Moon” mit depressivem Unterton? Oder “Hells Bells” in der Klassikversion????
Spiel doch mal. Höher. Tiefer. Langsamer. Schneller. Länger. Kürzer. Mit mehr Luft. Mit weniger Luft. Gesprochen. Gerufen. Gesungen. Völlig übertrieben. Und dann noch einmal so, dass man selbst denkt: das kann ich jetzt unmöglich ernst gemeint haben. Das kam aus meinem Hals???
Denn möglicherweise liegt genau dort etwas sehr Wichtiges. Nicht in der perfekten Ausführung. Sondern in der Bereitschaft, sich selbst einmal beim Ausprobieren zuzuhören und das Experiment zu wagen, nach dem Motto: ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich's völlig ungeniert.
Die Kleine auf der Treppe macht das jedenfalls toll und völlig ungehemmt. Und ich bewundere sie zutiefst und beneide sie auch ein bisschen. Aber natürlich hält sich meine pädagogische Begeisterung frühmorgens, besonders sonntags, in Grenzen. Ich bin dann durchaus bereit, ihre künstlerische Entwicklung für einen Moment nicht weiter zu fördern und glaube dann auch seltsamer Weise nicht an eine wunderbare stimmliche Entdeckungsreise!
Ich denke eher: Papa. Bitte. Hol. Dein. Kind.
Wenn Papa dann endlich kommt, ist das Kind vermutlich ohnehin schon beim nächsten Experiment.
Vielleicht heißt das dann: „Maaaaammmi!“ Und ich sitze wachgesungen im Wohnzimmer. Lausche. Und denke: "Interessant. Das war gerade deutlich höher als gestern. Und Mama gehört offensichtlich in ein ganz anderes Klanguniversum! - Mal schauen, was sie daraus macht…"