Präsenz - keine Frage der Stimmtechnik

In der Arbeit mit Stimme geht es selten um das, was vordergründig formuliert wird. „Ich möchte professioneller klingen.“ „Ich möchte präsenter sein.“ „Ich möchte authentisch wirken.“ sind Wünsche, mit denen sowohl junge Gesangsschülerinnen als auch gestandene Business-Leute kommen.  Die reine Vermittlung von Tricks und Techniken ist eine oberflächliche Methode, um diese Bedürfnisse schnell zu erfüllen. Sie erzielen Wirkungen. Um nicht nur präsent zu wirken, sondern es tatsächlich zu sein, bedarf es einer anderen Vorgehensweise. Und darüber erzähle ich in diesem Artikel.

Rollenstimme vs. Identitätsstimme

Die Stimme ist kein neutrales Instrument. Sie ist Ausdruck von Gewohnheiten, von Anpassung, von inneren Bildern darüber, wie man klingen sollte, um gehört zu werden. Diese Bilder entstehen früh. Sie werden übernommen, nachgeahmt, verinnerlicht. Und sie wirken weiter. Oft unbemerkt. - Aber…

Man kann sie hören!

Viele Menschen sprechen oder singen nicht mit ihrer Identitätsstimme. Sie benutzen “Rollenstimmen”. Je nach Bereich ein anderer Klang. Diese Rollen haben eine Funktion. Sie schützen, sie sichern Zugehörigkeit, sie helfen, Erwartungen zu erfüllen oder Unsicherheit zu vermeiden. Das Problem ist nicht ihre Existenz. Das Problem ist, dass sie unbewusst bleiben.

Erst wenn jemand verstanden hat, was er mit seiner Stimme tut – und warum –, kann der nächste Schritt folgen. Die Frage: Was willst du stattdessen?

In der modernen Gesangspädagogik wird diese Frage häufig zu früh gestellt. Statt Bewusstwerdung werden technische Abläufe vermittelt. Tricks als Shortcuts angepriesen. Kosmetische Korrekturen, die schnelle Wirkung versprechen. Der Klang verändert sich, aber der innere Zusammenhang bleibt unberührt. Es ist Aneignung von Technik, keine Integration. Effekt verdrängt oder verhindert dabei Erkenntnis.

Ganzheitliche Stimmarbeit beginnt mit dem Training der Wahrnehmung.

Mit genauem Hinhören. Mit Körperwahrnehmung und Körperarbeit. Mit der Bereitschaft, das eigene Stimmverhalten nicht zu bewerten, sondern zu verstehen.

Ein Muster, dem ich in meiner Arbeit häufig begegne, nenne ich das weibliche, vokale Kindchenschema. Erwachsene Frauen sprechen (und singen) dabei mit einer Kinderstimme. Die Stimme ist höher, weicher, oft leicht hauchig eingestellt. Sie klingt niedlich, ein wenig hilflos, manchmal unterschwellig flirtend. Mädchenhaft. - Alles unbewusst.

Diese Stimme ist eine Rollenstimme. Sie ist nicht zufällig entstanden. Sie hatte mal eine Funktion. Doch das ist lange her. Sie hat Nähe erzeugt, Wohlwollen, Schutz. und löst so etwas wie den Welpenschutzreflex aus. Doch sie ist keine Identitätsstimme. Sie ist eine Rolle!

Wenn eine Frau mit diesem Stimmklang ihrer Alltagsstimme ins Training kommt und sagt, sie wolle authentischer klingen, geht es nicht darum, die Stimme sofort zu verändern. Es geht darum, hörbar zu machen, dass sie eine Rolle spricht/singt – und warum.

Man kann nicht in der falschen Rolle authentisch sein. Egal ob auf der Bühne, im Business - oder im Leben!

Ein Beispiel: eine junge Frau kommt ins Stimmtraining, weil sie für einen Geburtstag einen Popsong „professioneller“ singen möchte. Sie hört selbst, dass ihre Performance nicht trägt. Ihre Wahrnehmung ist richtig. Ihre Schlussfolgerung jedoch nicht. Sie hinterfragte gar nicht, ob dieser Song zu ihrer Stimme passt. Sie versuchte statt dessen sich noch konsequenter in die Rolle hineinzuquetschen.

Sie sang den Song in einer Miley-Cyrus-Sopranlage, obwohl ihre Sprechstimme deutlich tiefer und voller ist. Auch bei den nachfolgenden Gesangsübungen und Registerproben zeigte sich klar, dass ihre eigentliche ”Schokoladenlage” im Mezzo- bis Alt-Bereich liegt. Sie musste also um ein Sopran-Klangbild zu erreichen, ziemlich Kraft zurücknehmen und sich stimmlich verkleinern. Was der Stimme hörbar nicht gut tat. Zwar klang das Ergebnis ganz ok, aber nicht überzeugend. Nicht, weil ihr Technik fehlt, sondern weil sie versucht, eine Stimme zu performen, die nicht ihre ist.

Meine Arbeit mit ihr bestand nicht darin, diesen Song mit weiteren Tricks und Tipps „zum Laufen zu bringen“. Das hätte die falsche Rolle nur stabilisiert. Die eigentliche Arbeit besteht momentan darin, ihre "Verkleidung” sichtbar zu machen.

Langfristig geht es darum, ihr zu zeigen wie sie ohne Rollenstimme, nämlich mit ihrer authetischen Stimme, klingt und ihr Songs anzubieten, die zu ihrer Stimme passen. Das ist ein Entwicklungsweg. Ich gebe dabei Hilfe zur Bewusstwerdung und Selbstentdeckung, denn Techniken kann man erklären. Erkenntnis muss selbst erfahren werden.

Technik ersetzt nicht Bewusstsein

In meiner Arbeit geht es nicht darum, Menschen zu deuten oder zu psychologisieren. Ich stelle Fragen. Ich schärfe ihre (Eigen-)Wahrnehmung. Ich ermögliche, dass sie sich selbst zuhören. Denn nur, was erkannt wird, kann abgelegt werden. Erst aus dieser Klarheit heraus wird Veränderung möglich.

In meinen Coachings und Unterrichten spielt Technik zwar eine zentrale Rolle. Aber sie hat keinen Selbstzweck. Gesangstechnische Übungen sind keine bloße Gymnastik. Sie können wie ein Vergrößerungsglas wirken und. sehr präzise zeigen, was sich über die Stimme ausdrückt – oft jenseits des bewussten Wollens. Technik ersetzt kein Bewusstsein. Sie wird erst dann wirklich sinnvoll, wenn sie auf klare (Selbst-)Wahrnehmung trifft.

Autorinnen-Notiz

Ich arbeite seit vielen Jahren mit Stimmen. Im Business und auf der Bühne. Im Gesang, Sprechen und in der Präsenzarbeit. Immer wieder zeigt sich dabei, dass technische Fragen selten das eigentliche Thema sind. Professioneller, eindeutiger und überzeugender zu wirken, kann mit einfachen Tricks erzeugt werden. Authentisch zu sein, ist etwas anderes! – Mich interessiert, was hörbar wird, bevor wir anfangen, etwas zu verändern. Nur das gibt die Richtung hin zu mehr Authentizität an. Und “Das” vermittle ich erfolgreich in meinen Trainings und Kursen. -  Dieser Text ist aus meinen langjährigen Beobachtung entstanden.

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Mit der Stimme überzeugen