Den Therapeuten nach Sympathie aussuchen?

Gedanken über die Verwässerung professioneller Seriosität im Zeitalter digitaler Nahbarkeit.

Im Mai 2026 habe ich eine kleine Umfrage auf Instagram durchgeführt. Die Frage lautete: Nach welchen Kriterien würdet ihr einen Therapeuten oder Coach auswählen? Zur Auswahl standen: Sympathie, Expertise, Empfehlung, Erreichbarkeit und die Höhe des Honorars.

Das Ergebnis war ernüchternd: Ganze 75 % der Teilnehmer sprachen sich dafür aus, eine Begleitung primär nach Sympathie auszuwählen. Nur 25 % entschieden sich für die fachliche Expertise.

Es ist zweifellos dem Medium Instagram geschuldet, dass diese Dynamik genauso aussieht. In diesem Artikel möchte ich meine Gedanken darüber teilen, wo die Grenze zwischen digitaler Nahbarkeit und professioneller Seriosität verläuft – und warum wir gerade dabei sind, den inneren Kompass zu verlieren.


Der verordnete Seelen-Striptease

Manchmal irritiert mich eine Erwartung, die in meiner Branche inzwischen fast selbstverständlich geworden zu sein scheint: dass Vertrauen erst dann entsteht, wenn ich Menschen an meinem Privatleben teilhaben lasse. Zumindest auf Social Media.


Das Ganze läuft in der modernen Marketing-Welt unter dem Deckmantel von Begriffen wie Nahbarkeit, Sympathie und einem strategischen „Low-Level-Entrance“ – also dem bewussten Abbau von Hürden, um potenziellen Klienten den Einstieg so leicht wie möglich zu machen. Doch was als Werkzeug zur Schwellenreduzierung gedacht war, mutiert auf Plattformen wie Instagram zunehmend zu einer völligen Entgrenzung.

Im Kern verbirgt sich dahinter eine Strategie, die im Marketing als „Humanizing the Brand“ bezeichnet wird: Die Marke – in diesem Fall der Therapeut – soll künstlich vermenschlicht werden. Fachwissen tritt in den Hintergrund, die Persönlichkeit wird zur eigentlichen Verkaufsfläche.


Um diesen Effekt zu maximieren, bedient sich die Social-Media-Logik zweier Phänomene, die der klassischen therapeutischen Abgrenzung fundamental widersprechen:

  1. Parasocial Interaction (Parasoziale Interaktion): Dem Nutzer wird durch den täglichen Einblick in das Frühstück, den Urlaub oder die Kaffeetasse des Therapeuten das Gefühl einer intimen, beidseitigen Freundschaft suggeriert. In Wahrheit ist es eine rein einseitige Illusion, die mit dem echten, geschützten Raum einer therapeutischen Beziehung nichts zu tun hat.


  2. Vulnerability Porn (Kommerzialisierte Verwundbarkeit): Der Algorithmus belohnt das kalkulierte Zurschaustellen eigener Krisen, Sorgen und Tränen im Netz. Wer als „authentisch“ gelten will, muss Seelen-Striptease betreiben.

Niemand würde in eine echte Therapiesitzung kommen und erwarten, dass ich die erste Viertelstunde über mich selbst spreche. In meiner Arbeit geht es nicht um mein Leben. Es geht um das Leben meiner Klienten. Um ihre Fragen. Ihre Themen. Ihre Entwicklung.

Und es wird völlig übersehen, was diese permanente Offenlegung fordert: die Aufgabe des eigenen Schutzraumes auf Seiten derCoaches & Therapeuten. Ein Schutzraum, den wir unseren KlientInnen mühsam antrainieren, weil er ihnen immer mehr verloren geht! Und die Verkümmerung echter Wahrnehmung über echte Begegnungen, denn Social Media Begegnungen können unseren Instinkt und unsere Intuition nicht trainieren.

Sie sind kuratiert, filtriert und manipultiv!


Der Verlust des inneren Kreiselkompasses

Früher hatte man keine Gelegenheit, einen Therapeuten vorher zu kennen – außer durch ein kurzes Telefonat und dann in der ersten Stunde. Man musste Erkundigungen einholen, und vieles lief über klassische Mundpropaganda. Man musste seinen inneren Kompass schon ziemlich scharf stellen, um den richtigen Menschen für sich zu finden.

Aber dieser richtige Mensch wurde damals nicht dadurch bestimmt, ob er Cornflakes oder Müsli zum Frühstück isst oder wie er seine Kaffeetasse hält. Sondern dadurch, dass man sich darauf verlassen durfte, dass der Berufstitel eine entsprechende Ausbildung garantierte, die die Qualifikation untermauerte. Und je älter jemand war, desto sicherer konnte man sein, dass derjenige zu seinen fachlichen Qualifikationen jede Menge Erfahrung ansammeln durfte – sowohl in seinem Leben als auch in seinem Beruf.

Ich frage mich heute wirklich, ob den Menschen dieser innere Kreiselkompass verloren gegangen ist. Oder ob sie einfach bequem geworden sind und sich lieber von schönen, bunten Bildchen bedröhnen lassen. Vielleicht erklärt das, warum soziale Medien so funktionieren, wie sie funktionieren. Und vielleicht erklärt es auch, warum dort oft nicht Professionalität belohnt wird, sondern scheinbare persönliche Nähe - die ein Fake ist.


Das warme Gefühl im Bauch ist kein primäres Auswahlkriterium

Es ist ein Irrtum, zu glauben, nur weil man private oder menschliche Umstände eines Menschen zu kennen meint, ihn für fähiger und kompetenter zu halten. Diese Annahme muss enttäuscht werden und nach hinten losgehen.

Wir lagern die Verantwortung für unsere Auswahl an das angenehme Gefühl im Bauch aus. Es ist schlicht bequemer, jemandem zu vertrauen, den wir „kennen“ oder zu kennen glauben, als mühsam Qualifikationen zu prüfen. Wir ertränken den rationalen Kompass in einer Flut von vermeintlicher Vertrautheit.


Die gefährliche Nivellierung von Qualitätsansprüchen

Und genau hier erlebe ich eine Verwässerung der Grenzen, die mich zunehmend besorgt. Denn diese Entwicklung ist am Ende schlicht geschäftsschädigend für einen ganzen Berufsstand. Es ist eine fundamentale Frage von Image, Seriosität und echter Glaubwürdigkeit.

Für mich entsteht Glaubwürdigkeit nicht dadurch, dass ich jemandem mitteile, wie es bei mir am Frühstückstisch aussieht. Glaubwürdigkeit erziele ich durch handfeste Ergebnisse in meiner Praxis und natürlich durch meine Qualifikation.

Die digitale Zwangsjacke, die Instagram uns da allen anzieht – und das gerade im therapeutischen und heilerischen Bereich –, nivelliert jeden Qualitätsanspruch. Sie macht, überspitzt gesagt, aus jedem Idioten mit einer Handykamera einen Experten. Sie führt dazu, dass man irgendwann gar nicht mehr an objektiven Kriterien feststellen kann, ob jemand ein guter Therapeut/Coach ist oder nicht.

Und das Fatale daran ist: Diejenigen, die wirklich fundiert etwas zu sagen haben, kommen in dieser Logik der Selbstdarstellung oft gar nicht mehr zu Wort, weil sie sich dieser Inszenierung verweigern.


Für die Operation am offenen Herzen braucht es Qualifikation – keine Soft-Skills!

Es eine einfache Frage: Wenn du eine schwere Herzoperation vor dir hättest würde es dich interessieren wohin dein Chirurg demnächst in den Urlaub fährt oder ob er nett lächelt? - Wahrscheinlich nicht. Du würdest nach seiner Expertise im Operationssaal fragen, damit du die Operation überlebst und heilen kannst. (Natürlich dafür darüber hinaus gerne ein netter Kerl sein oder ein charmanter Gesprächspartner!)

In einem Coaching oder einer Therapie ist diese „Herzoperation“ dein gelöstes Problem, das sich durch einen enormen Zuwachs an persönlicher Freiheit und einen Alltag zeigt, der sich endlich wieder leicht anfühlt.

Und ja! Selbstverständlich! Dieser Erfolg einer gelungenen Lebensoptimierung hat mit Qualifikation und Können zu tun! Womit denn sonst?

Vielleicht ist das Teilen von Privatem auf Social Media aber auch die Erfüllung eines ganz anderen, heimlichen Wunsches: der Sehnsucht nach einer guten Freundin, die uns versteht. Aber: Eine Freundin leidet mit uns – ein Coach führt uns durch den Schmerz hindurch.

Ein guter Coach und Therapeut ist ein Profi, der sich selbst zurücknimmt, um den Raum ganz für dich und deine Entwicklung freizumachen. Er geht nicht mit dir mit. Er leidet nicht mit dir mit, sondern weiß, wo du stehst und wo du ankommen könntest. Wenn er die Peilung verliert, weil er oder sie sich dir zu sehr verbunden fühlt, ist er außer Stande, dir zu helfen. Und diese Distanz zu halten, den Raum für dich zu halten, mit Wärme und Mitgefühl, das ist eine echte Kunst.

Die Vorstellung, dass der Coach oder Therapeut wie eine gute Freundin sein soll, von der du mindestens genauso viel weißt, wie sie von dir, ist eine Fehlerwartung. Nahbarkeit im Coaching und in der Therapie entstehen auch nicht dadurch, dass seitens des Coaches aus dem Nähkästchen geplaudert wird. Nahbarkeit entsteht durch Wahrhaftigkeit. Und Wahrhaftigkeit beruht auf Vertrauen, die aus Ergebnissen, also Erfolgen, genährt wird.

Messen wir doch bitte in Zukunft Qualität wieder an Qualifikation – nicht an der Ästhetik eines Feeds.

What you seek is what you get!


Ich bin Tatjana Schuba.

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25 Jahre als ganzheitlich- systemischer Coach