Familiäre Armutsloyalität durchbrechen

Eine Geschichte von Schuld und Schulden.

Eine Klientin kam zu mir, weil sie sich in einer Aufstellung die Schuldgefühle anschauen wollte, die ihre Mutter in ihr verursacht hatte und die ihr bis heute im Leben im Weg standen.

Die Mutter hatte – so lautete jedenfalls das familiäre Narrativ – zugunsten der Kinder auf eine Karriere verzichtet. Dieses Narrativ wurde innerhalb der Familie immer wieder bewegt und von der Mutter als Argument angeführt, wenn es zu Konflikten, Meinungsverschiedenheiten oder Entscheidungen auch der bereits erwachsenen Kinder kam, die ihr nicht gefielen.

In der Beziehung meiner Klientin zu ihrer Mutter zeigte sich dieses Muster besonders deutlich. Die Mutter betonte immer wieder, dass allein die Existenz ihrer Tochter eine Karriere verhindert habe, die eigentlich noch gar nicht begonnen hatte. Gleichzeitig erzählte sie die Geschichte, dass sie nur wegen der Kinder in einer unglücklichen Ehe geblieben sei und dadurch das Zuhause der Familie gerettet habe.

Immer wenn die Töchter fragten, warum sie sich nicht scheiden lasse, kam dieselbe Antwort: Sie habe all das für die Kinder auf sich genommen.

Die Spur führt viel weiter zurück

Als wir das Ganze aufstellten, wurde sehr schnell klar, dass es sich nicht nur um eine Dynamik zwischen Mutter und Tochter handelte.

Dasselbe, was die Tochter mit ihrer Mutter erlebt hatte, hatte die Mutter bereits als Tochter mit ihrer eigenen Mutter erlebt. Dort fand sich eine sehr ähnliche Konstellation, die allerdings durch die kollektiven Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs teilweise überdeckt wurde. In dieser Zeit konnten die wenigsten Menschen ihren Träumen oder Lebensplänen folgen.

Als wir die Linie weiterverfolgten, tauchte der Vater dieser Großmutter auf – der Urgroßvater meiner Klientin. Er war Schneidermeister im Berlin der 1910er- und 1920er-Jahre. Zwar nähte er Uniformen, was vergleichsweise bessere Einkommensmöglichkeiten bot, doch durch die große Zahl an Kindern lebte die Familie dennoch ständig in Einschränkung, Mühsal und finanzieller Not.

Eine besonders prägnante Geschichte war die, dass er selbst an Heiligabend bis 18 Uhr an seinem Schneidertisch saß und arbeitete, um anschließend noch bis spät in den Abend die letzten Uniformen auszuliefern.

Wenig Pause. Viel Arbeit. Wenig Geld. Wenig zu essen. Schulden und Anstrengung.

Das Erbe der Verantwortung

Dieses Muster zog sich weiter durch die Generationen – von der Großmutter zur Mutter und schließlich zu meiner Klientin.

Sie konnte sich mit ihren Fähigkeiten nie wirklich zeigen, weil sie immer das Gefühl hatte, ihrer Mutter etwas schuldig zu sein. Sie fühlte sich verantwortlich, ihrer Mutter beizustehen, den Haushalt mitzutragen und später auch den Vater mitzuversorgen und als tatkräftige und emotionale Stütze für eine dysfunktionale Familie zu fungieren.

Auf diese Rolle wurde sie sehr früh vorbereitet.

Als sie elf Jahre alt war, wurde ihre jüngere Schwester geboren. Die Mutter stellte sie praktisch sofort als Nanny ab. Teilweise ließ sie das Mädchen stundenlang allein mit dem Säugling, während sie mit dem Vater unterwegs war oder eigenen Interessen nachging. Gleichzeitig wurde die Tochter immer wieder dafür gelobt, dass sie „die Große“ sei, so verständnisvoll, so vernünftig und ihrer Mutter eine so große Hilfe.

Als sie in die Pubertät kam und begann, sich von dieser Rolle lösen zu wollen, reagierte die Mutter, indem die der Tochter Schuldgefühle machte. Sie erklärte ihrer Tochter, dass sie keinen Grund habe, sich zu beschweren. Schließlich habe sie selbst schwere Zeiten durchlebt und auf unendlich vieles verzichtet – für ihre Kinder.

Wenn Zugehörigkeit an Verzicht geknüpft wird

Meine Klientin besitzt ein stark ausgeprägtes Familiengefühl und eine tiefe Verantwortlichkeit gegenüber anderen Menschen. Gleichzeitig sagt sie selbst, dass man ihr sehr leicht Schuldgefühle machen könne.

Sobald es jemand anderem schlechter gehe als ihr, entstehe in ihr das Gefühl, dass es ihr selbst nicht gut gehen dürfe. Dann beginne sie, sich anzustrengen, zurückzunehmen oder auf etwas zu verzichten, um dem anderen das Leben zu erleichtern. Dieser Verzicht kann soweit gehen, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse nicht mehr wahrnehmen kann.

Das ist für mich kein gewöhnliches Helfersyndrom.

Es ist eine Verbindung aus hoher Empathie, großer emotionaler Intelligenz und einem jahrzehntelangen Training in Schuld.

Verknüpft mit der familiären roten Linie von Armut und Beschränkung, sowohl in der Urgroßvater Generation als auch in der Großmutter Generation als auch im Leben ihrer Mutter, als sie noch klein war, entstand daraus eine Form von familiärer Armutsloyalität, die auf der anderen Seite der Waagschale hohe, ethische Grundsätze zum Ausgleich montierte.

„Unsere Familie hat vielleicht wenig, aber wir haben einander.“

„Wir leiden vielleicht, aber wir haben Tiefe und sind nicht oberflächlich wie andere Leute, die mehr haben als wir.“

Daraus wurde irgendwann ein unbewusster Glaubenssatz:

“Wenn es mir besser geht als meiner Familie,
verliere ich den Kontakt zu meiner Tiefe,
zu meiner Herkunft
und zu meiner Zugehörigkeit.”

Und wenn eins meiner Klienten Angst machte, dann war es, ihre Familie zu verlieren! Oder nicht mehr dazugehören zu dürfen, was auf ein frühes Kindheits-Trauma zurückzuführen war, bei dem sie als Säugling von ihrer Mutter getrennt wurde. Sie würde also alles tun, damit sie es ihrer Familie, und besonders ihrer Mutter, so angenehm machte, dass sie bleiben durfte.– Ob bewusst oder unbewusst: ihre Mutter hatte sie damit in der Hand.

Der Moment der Rückgabe

An diesem Punkt entsteht oft große Wut und Ärger auf die Familie bzw. auf die beteiligte Person. Das ist verständlich – zumindest solange man davon ausgeht, dass all das bewusst oder sogar absichtlich geschieht. Doch die meisten Eltern wollen nicht, dass es ihren Kindern schlechter geht. Sie handeln aus ihren eigenen Prägungen heraus und bringen oft selbst große Opfer. Trotzdem kann etwas bei einem Kind landen, das dort nicht hingehört.

Genau darum ging es in dieser Aufstellung.

Meine Klientin begann zu erkennen, was sie übernommen hatte. Sie begann zu sehen, dass sie diesen “Familienrucksack” aus Schuld, Schulden, falsch verstandenem Zusammengehörigkeitsgefühl, Armutsdünkel und instrumentalisierten Familiennarrativ und Glauben an ihre Zuständigkeit nicht weiter tragen wollte. Sie war nicht länger bereit, dieses Geflecht aus Schuld, Verzicht und Verpflichtung aufrechtzuerhalten. 

Sie formulierte eigenständig:

“Es darf mir in jeder Beziehung
und auf jeder Ebene besser gehen,
als meinen Ahnen und meiner Familie.
Und besonders meiner Mutter!”

Kinesiologisch testete dies Aussage zu Beginn noch schwach. Sie entsprach nicht ihrer Wahrheit und konnte daher auch nicht gelebt werden. Aber nach der Aufstellung in Kombination mit EFT, Körperarbeit und Energiearbeit kamen wir zum Schluss zu einem Punkt, an dem sie diesen Satz sagen konnte, ohne ihr Nervensystem ins Chaos zu stürzen. Und sogar darüber hinaus. Sie hatte die gemachten Korrekturen 100 % integriert und akzeptiert und konnte jetzt mit einer anderen Lebensansicht in ihren Alltag gehen, die von ihrem System getragen wurde.

Zurück zur Aufstellung

In der Aufstellung gab sie den “Rucksack”, visualisiert als geschnürtes Paket in braunem zerschlissenen Packpapier, das Lumpen und dreckige Kittel enthielt, und mit einem kaputten, alten Bindfaden unordentlich zusammenbunden war, zunächst ihrer Mutter zurück. Nicht als Vorwurf, sondern mit Dankbarkeit für das, was ihre Mutter für sie getan hatte. Gleichzeitig machte sie deutlich:

„Das ist nicht mein Paket.
Es gehört nicht zu mir.
Ich gebe es dorthin zurück,
wo es entstanden ist.“

Die Wirkung

Nach der Aufstellung beschrieb meine Klientin ihr Körpergefühl als vollkommen verändert. Die jahrelangen Schmerzen im oberen Rückenbereich, die sich auch in einer Verschiebung eines Wirbels gezeigt hatten, waren verschwunden. Von den Schmerzen hatte sie mir vor der Sitzung nichts erzählt. Aber es war das Erste, was sie bemerkte, als es weg war. Ob dies dauerhaft so bleibt, wird sich zeigen. Doch energetisch war deutlich spürbar, dass sich etwas gelöst hatte.

Eine Last war von ihr genommen.

Wir werden die Arbeit in weiteren Sitzungen fortsetzen, allerdings mit größerem zeitlichem Abstand (3-6 Wochen oder länger). Die Schritte, die heute gegangen wurden, waren intensiv und tief und reich mit Verästelungen in viele Bereiche ihrer Energetik ihres Nervensystems, der Zellebene ihres Körpers und damit auch ihres gesamten Lebens. Nun darf das Erkannte gelebt werden. Zunächst im Alltag, in den Entscheidungen und in der Lebensstruktur. Das bedeutet sie wird neue Erfahrungen machen. Anders als vorher. Und diese wollen harmonisch integriert werden.

Woran wird der Erfolg der Sitzung sichtbar?

Ich fragte sie zum Abschluss, woran sie erkennen würde, dass unsere Arbeit erfolgreich gewesen ist. Sie antwortete:

„Zunächst einmal spüre ich es schon jetzt in meinem Körper. Etwas hat sich verändert. Ich fühle mich erleichtert. Nicht nur einfach entspannt, sondern als wenn innen drin etwas weg ist, was mich vorher beeinträchtigt hat. Ich weiß noch nicht, wohin mich das führt, aber es geht mir deutlich besser, als wenn eine Zange, in der ich gewesen bin, losgelassen hat.“

Nach einer Pause fügte sie hinzu:

„Der Erfolg dieser Sitzung zeigt sich für mich darin, wenn ich jetzt endlich meine Schulden abbauen kann. Wenn meine Arbeit erfolgreich ist und ich damit nachhaltig meinen Lebensunterhalt bestreiten kann.

“Und dass ich nie wieder
aus Schuldgefühlen
anderen gegenüber
eine Entscheidung
gegen mich selbst treffe.“

Ich fand es bemerkenswert, dass sie einen so klaren Satz aussprechen konnte.


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